Impfungen – Schutz oder Schaden?

Ist eine Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs wirklich sinnvoll? Welchen Schutz bietet eine Grippeimpfung? Wie wirken Impfungen? In ihrem neuen Ratgeber "Impfungen – 99 verblüffende Tatsachen" gibt Dr. med. Martina Lenzen-Schulte Antworten auf diese und weitere Fragen.

• Wie wirken Impfungen?

Halsschmerzen, Niesen, verstopfte Nase – das sind die ersten Anzeichen einer Erkältung. Zu diesem Zeitpunkt arbeiten Ihre körpereigenen Abwehrzellen schon auf Hochtouren. So genannte B- und T-Lymphozyten sind Teil der weißen Blutkörper und für die Bekämpfung von Krankheitserregern zuständig. Erkennen sie einen Virus oder Bakterien, produzieren sie Unmengen von Antikörpern, die den Eindringling unschädlich machen.

Nach jeder überwundenen Krankheit merkt sich ein Teil der B- und T-Lymphozyten, welcher Antikörper am effektivsten gegen welchen Erreger eingesetzt wird. Aus diesem Vorgang entsteht das immunologische Gedächtnis. Es ermöglicht Ihrem Immunsystem, bei der nächsten Erkrankung schneller die passenden Antikörper einzusetzen.

Impfen basiert auf diesem immunologischen Gedächtnis. Eine Impfung lässt Gedächtniszellen entstehen, ohne dass der Mensch durch den echten Erreger, den Wildtyp, krank wird. „Sie (die Gedächtniszellen, Red.) sind wie Passkontrolleure, die von einem gefährlichen Terroristen ein Fahndungsfoto besitzen und sofort alle Einsatzkräfte zusammenrufen, wenn sie ihn sichten“, schreibt Dr. med. Martina Lenzen-Schulte in ihrem Ratgeber.

 

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• Was ist eine Grundimmunisierung?

Vor allem Mütter von Neugeborenen setzen sich mit dem Thema Impfen auseinander. Ihre Babys scheinen völlig hilflos in eine Welt voller Viren und Bakterien hineingeboren zu werden. Doch diese Annahme stimmt nicht ganz.

Etwa vier Wochen vor der Geburt werden Säuglinge über die Nabelschnur mit jeder Menge Antikörper der Mutter versorgt. Zwar sind diese nur sehr kurzlebig, aber sie genügen dem Kind, um mit ersten Krankheitserregern und evtl. Impfstoffen fertig zu werden.

Entgegen der weit verbreiteten Meinung überfordern mehrere Impfungen den kindlichen Organismus nicht. „Die elf Impfungen, die wir als Grundimmunisierung (ohne Windpocken, Red.) verabreichen, beschäftigen gerade mal 0,1 Prozent des Immunsystems“, sagt Dr. Lenzen-Schulte.
Vor welchen Krankheiten Sie Ihr Kind durch Impfungen schützen sollten, erfahren Sie aus dem Impfkalender der ständigen Impfkommission (STIKO) des Robert-Koch-Instituts (www.rki.de). Dieser gibt Empfehlungen für Kinder bis zum 24. Lebensmonat. Für alle von der STIKO angeratenen Impfungen übernehmen die Krankenkassen in der Regel die Kosten.
Fast jedes Kind in Deutschland wird beispielsweise grundimmunisiert. Die Sechsfachimpfung gegen Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten, HIb, Kinderlähmung und Hepatitis B sollte noch vor dem vierten Lebensmonat erfolgen. Parallel können Neugeborene viermal gegen Pneumokokken und einmal gegen Miningokokken geimpft werden. Für Babys im Alter von elf bis 14 Monaten empfiehlt der Impfkalender der STIKO außerdem eine Kombiimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln. Wichtig ist, dass nicht alle Impfstoffe zur selben Zeit injiziert werden, da dies die Wirkung der Impfung verringern kann. Außerdem sollten Sie darauf achten, dass manche Impfungen wiederholt und regelmäßig aufgefrischt werden müssen. Fragen Sie dazu am besten Ihren Kinder- oder Hausarzt.

 

• Welche möglichen Nebenwirkungen gibt es?

Der Körper zeigt zwar häufig Reaktionen auf eine Impfung, aber diese sind generell harmlos und teilweise nicht zu vermeiden. Ca. 20 Prozent der Kinder leiden zum Beispiel unter Rötungen und Schwellungen an der Einstichstelle. Fieber, Appetitlosigkeit und Müdigkeit zeigen, dass der Körper arbeitet. Da Kleinkinder aber durchschnittlich 20 Wochen im Jahr krank sind, ist dies nicht notwendigerweise eine Reaktion auf den Impfstoff. Häufig vergehen solche Symptome nach nur wenigen Tagen.

Manchmal bekommen vor allem Babys nach einer Impfung Fieberkrämpfe. Diese Krämpfe können auf den ersten Blick bedrohlich wirken, sind aber häufig nur eine harmlose Form des Krampfens und vergehen normalerweise nach wenigen Minuten. Auch Dr. Lenzen-Schulte bestätigt: „Schwerwiegende Gesundheitsschäden nach Impfungen sind selten.“ Alle möglichen Nebenwirkungen von Impfungen sowie deren Häufigkeit können Sie auf der Internetseite des Robert-Koch-Instituts nachlesen.

 

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• Warum ist Impfen so wichtig?

Viele Krankheiten, gegen die heutzutage immunisiert wird, sind sehr selten geworden. Polio, Diphtherie und Tetanus existieren aber nach wie vor und stellen ein Risiko dar. Vor allem Kinder sind durch zahlreiche Erreger gefährdet. Laut Dr. Lenzen-Schulte sollte man Kinder auf jeden Fall gegen Tetanus, Diptherie, Kinderlähmung, Keuchhusten, Hämophilus influenzae, Masern und Hepatitis B impfen lassen.

Was viele nicht wissen: „Impfungen schwächen nicht die Abwehr“, so die Medizinerin. Manche scheinen zusätzlich sogar gegen Keime zu wirken, gegen die gar nicht geimpft wurde. Zudem können sie der Entwicklung von Allergien entgegen wirken.
Die Medizin macht immer größere Fortschritte. „Die Aussichten auf neue Impfstoffe schienen noch nie so gut zu sein“, so Dr. Lenzen-Schulte in ihrem Ratgeber. Zwar gibt es immer noch keine Immunisierung gegen HIV, Malaria oder Hepatitis C, dafür wird das Impfen aber immer einfacher. Bald wird es zum Beispiel Atemimpfungen geben. Man inhaliert den abgeschwächten Erreger und nimmt ihn so über die Schleimhäute der Nase auf. Lästige Nebenwirkungen wie Schmerzen im Arm oder Schwellungen fallen dann weg. Bisher sind Gedächtniszellen, die auf Grund von Impfstoffen entstehen, teilweise weniger effizient als solche, die durch den Wildtyp aufgebaut werden. Doch neue Impfstoffe bestehen aus immer weniger Komponenten und werden gleichzeitig immer wirkungsvoller.

 

• Reiseimpfungen

Sie planen eine Reise ins Ausland? Dann informieren Sie sich mindestens sechs Wochen vor der Abreise, ob Sie spezielle Impfungen benötigen. Fragen Sie am besten bei tropenmedizinischen Instituten (Infos siehe unten) nach den aktuellen Impfbestimmungen.

Jeder Zweite hat während oder nach der Reise Gesundheitsprobleme, da er nicht ausreichend immunisiert wurde. Für manche Länder sind Impfungen und medizinische Beratungen sogar vorgeschrieben. Einem Austauschschüler kann in den USA zum Beispiel die Einreise verweigert werden, wenn er keine aktuelle Mumpsimpfung nachweisen kann. Beachten Sie außerdem vor Ihrem nächsten Urlaub am Mittelmeer: „Hepatitis A ist zwar nicht ultimativ gefährlich, könnte aber zum Abbruch des Urlaubs zwingen“, so die Medizinerin. Grundsätzlich gilt: Reisen Sie mit Kindern unter acht Jahren möglichst nicht in tropische oder subtropische Regionen. Denn, so Dr. Lenzen-Schulte, Typhus-, Gelbfieber-, Cholera- und Tollwutimpfungen „sind nicht so wirksam, wie man es sich wünschen würde. Auch Malariagebiete sollten für einen Urlaub mit Kindern tabu sein.“

 

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• Die Gebärmutterhalskrebsimpfung

Gebärmutterhalskrebs kann durch humane Papillomviren (HPV) hervorgerufen werden. Etwa 70 Prozent aller Frauen infizieren sich im Laufe ihres Lebens mit diesen Viren, aber bei nur ein bis drei Prozent lösen sie Gebärmutterhalskrebs aus. Oftmals gelingt es dem Körper die Viren vorher zu eliminieren.

Von rund 6000 jährlich an Gebärmutterhalskrebs erkrankten Frauen sterben ca. 1700, häufig weil sie keine umfassende Krebsvorsorge wahrgenommen haben.

Die neue HPV-Impfung richtet sich gegen zwei bestimmte Virentypen. Gebärmutterhalskrebs kann aber durch etwa 15 verschiedene humane Papillomviren ausgelöst werden. Da die Impfung relativ neu ist, liegen noch nicht viele Studien über ihre Wirkung vor. Auch Dr. Lenzen-Schulte meint: „Die HPV-Impfung schützt nicht sicher vor Krebs.“ Grundsätzlich lässt sich Gebärmutterhalskrebs in regelmäßigen Vorsorgeuntersuchen rechtzeitig erkennen und bekämpfen. Eine Impfung wird diese Vorsorgetermine nicht ersetzen können.

 

• Die Windpockenimpfung
Windpocken sind eine relativ harmlose Kinderkrankheit und meist nach ein bis zwei Wochen überstanden. Wenn Eltern ihre Kinder gegen Windpocken impfen lassen, geschieht dies meist aus ökonomischen Gründen. Denn wenn ein Kind an Windpocken erkrankt, fehlt ein Elternteil längere Zeit am Arbeitsplatz, um das Kind zu pflegen. Grundsätzlich ist eine Windpockenimpfung im Kindesalter nicht nötig. Bei älteren Kindern (ab zwölf Jahren) oder Erwachsenen, die an Windpocken erkranken, kommt es allerdings häufiger zu Komplikationen. Hatten Sie im Kindesalter keine Windpockenerkrankung und arbeiten jetzt beispielsweise in einer Kindertagesstätte oder im Gesundheitsbereich, sollten Sie über eine Impfung nachdenken.

 

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• Grippeimpfungen

„Eine Grippeimpfung ist für all jene zu empfehlen, deren Abwehrkräfte geschwächt sind“, sagt Dr. Lenzen-Schulte. Da durch die Impfungen schwere Grippeerkrankungen verhindert werden können, sind sie vor allem für ältere Menschen über 60 Jahren interessant. Auch Menschen, die durch andere Erkrankungen vorbelastet oder einer erhöhten Ansteckungsgefahr ausgeliefert sind, sollten eine Impfung in Erwägung ziehen. Allerdings verändert sich der Grippevirus jedes Jahr und so müssten Sie sich auch jedes Jahr neu gegen Grippe impfen lassen. „Für Kleinkinder vor dem zweiten Lebensjahr hat man keine Vorteile nachweisen können“, erklärt Dr. Lenzen-Schulte. Außerdem kann sich durch frühes Impfen gegen Grippe die Gefahr einer späteren Erkrankung sogar erhöhen: zum einen, da sich der Virus eben jedes Jahr verändert, und zum anderen, da die Gedächtniszellen, die auf Grund der Impfung entstehen, weniger effektiv sind. Wenn der Körper den Wildtyp des Grippevirus einmal besiegt hat, gibt es keine bessere Vorsorge. Darüberhinaus müssen Sie wissen: Eine schwere Erkältung ist nicht gleich eine Grippeinfektion. Deshalb können Sie trotzt Impfung nach wie vor an einer normalen Erkältung erkranken.

 

Zeckenimpfung
Wenn Sie in Süddeutschland leben, haben Sie bestimmt schon etwas von Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) gehört. Dieser Virus wird von Zecken übertragen und kann zu Hirnhautentzündungen führen. Jährlich erkranken zwischen 150 und 300 Personen an dem Virus, der allerdings hauptsächlich im Süden Deutschlands vorkommt. Falls sich Ihre Kinder viel im Grünen aufhalten und Sie in einer FSME-Region wohnen, sollten Sie sich bereits im Winter bei Ihrem Hausarzt über diese Impfung informieren.

 

 

Ein ausführliches Interview mit Dr. Lenzen-Schulte finden Sie >>hier.

 

Diese und viel mehr gute Informationen zum Thema finden Sie in dem neuen Ratgebern von Dr. med. Martina Lenzen-Schulte "Impfungen–99 verblüffende Tatsachen", Trias Verlag, 14,95 Euro.

 

                                         Alle Texte: Karen Schmidt

Nützliche Info-Adressen zum Thema Impfen

• Das Robert-Koch-Institut gibt Auskünfte über Nebenwirkungen und den  Impfkalender: www.rki.de

• Der Internetauftritt der Schweizer Kinderärzte ist sehr übersichtlich und einfach gestaltet. Perfekt für eine erste Orientierung:                       www.praxispaediatrie.ch

• Zuständig für die Zulassung von Impfstoffen und die Überprüfung der     Wirkung und Qualität ist das Paul-Erich-Institut in Langen.                     Stellungnahmen zu Impfstoffen sowie Nebenwirkungen finden Sie             unter www.pei.de
www.impfschutzverband.de, www.impfkritik.de und                               www.individuelle-impfentscheidung.de sind dem Impfen gegenüber eher kritisch eingestellt.
• Die Webseite des Zentrums für Reisemedizin mit vielen nützlichen Infos zu Impfungen fürs Ausland finden Sie hier: www.crm.de
Die Adressen der Tropeninstitute:
Berlin: Institut für Tropenmedizin, www.bbges.de
Hamburg: Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, www.bni-hamburg.de
Tübingen: Tropenklinik Paul-Lechner-Krankenhaus, www.tropenklinik.de
München: Tropeninstitut München, www.fit-for-travel.de